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Im Tiefflug um die ganze Welt
Manchen wird die große Leidenschaft ihres Lebens schon in die Wiege gelegt. So wie Michiel van der Mey. Der Niederländer wurde 1950 in der holländischen Kolonie Ostindien geboren, als Sohn eines Marineoffiziers. Das Flugboot Dornier Wal war dem Vater durch seinen Beruf ein vertrauter Anblick, und schon als Kind wurden dem kleinen Michiel von der Mutter Fotografien von diesem in alle Welt verkauften Flugboot gezeigt, das technisch inzwischen schon wieder überholt war. Trotzdem: "Von der Versuchung des Wals kommt man nie mehr los. Nicht bis zum letzten Atemzug", sagt der höfliche und unauffällige Mittfünfziger heute lächelnd mit starkem niederländischem Akzent.
Das "Dornier Wal Documentation Center" hat van der Mey gegründet, und was nach einem regelrechten Gebäudekomplex klingt, wird in Wahrheit vom Enthusiasmus eines einzigen Mannes angetrieben, der Kontakte in alle Welt besitzt: Michiel van der Mey. Als Referent im Vortragssaal des Zeppelin-Museums versuchte er, seine eigene Begeisterung auf die Zuhörer zu übertragen: "Es geht mir darum, Ihnen ein Gefühl davon zu vermitteln, wie es damals war, in einem Wal zu fliegen und zu fahren." Das gelingt ihm, denn aus einem umfangreichen Archiv, das van der Mey in den Jahren zusammengesammelt hat, zeigt er einen Schwarzweißfilm aus dem Jahr 1927, der den Flug von Ostia nach Genua dokumentiert. An Bord eines Bootes werden die Fluggäste, gekleidet im modischen Schick ihrer Zeit (Hut, Stock und feine Sakkos) an den Dornier Wal herangefahren, galante Italiener helfen beim Einstieg in die Fluggastkabinen. Wie Zugabteile sahen sie aus, und auch die Hinweise auf der Toilette an Bord des "Wal" ist den Warnungen, die man aus Zügen kennt, nicht unähnlich: Die Passagiere waren ausdrücklich angewiesen, das Klo beim Flug über bewohntem Gebiet nicht zu benutzen.
Für heutige Standards kriminell niedrig war die Flughöhe des Wal, wie der Blick durch die geöffneten Bullaugen zeigt: Schätzungsweise 300 Meter über dem Meer zieht die italienische Küste vorbei. Van der Mey erklärt: "Im Niedrigflug konnte das Flugboot ein Luftpolster nutzen und brauchte dadurch weniger Treibstoff. Außerdem gehörte die Nähe von Landschaft und Wasser einfach zum Erlebnis eines solchen Fluges." Beschwerden gegen den Lärm gab es damals wohl nicht; Bürgerinitiativen sind eben eine neumodische Erscheinung. Die bewegten Bilder des Dornier Wal sind an diesem Abend allgegenwärtig. Van der Mey zeigt Filmaufnahmen des Flugboots, das per Katapult von Bord eines umgebauten Frachters startete: Wie eine schwere Hummel sackt der "weggeschossene" Wal für einen Augenblick zunächst deutlich ab, ehe er durchstartet und an Höhe gewinnt. Andere Aufnahmen zeigen, wie schwierig es war, bei unruhiger See den Wal an Bord jenes Bootes zu bekommen: Schier endlos balanciert ein Besatzungsmitglied auf der Schnauze des Flugboots und versucht, es mit dem "Flughilfsschiff", zu vertäuen. Dass der Wal nicht nur flog, sondern auch schiffsgleich fuhr, zeigt das Foto eines schwimmenden Flugboots mit geblähtem Segel: Nach Notwasserungen konnte die Besatzung ein Notsegel setzen, um nicht gänzlich hilflos auf dem Meer zu treiben. Natürlich, der Flugbetrieb mit Flugbooten war mühsam und umständlich, wie die Filmaufnahmen zeigen. "Es ist jedoch kaum zu verstehen, warum die westliche Luftfahrtwelt das Konzept der Seefliegerei weitgehend vergessen hat", sagt van der Mey und stellt die Frage: "Ist die Zeit der Flugboote wirklich für immer vorbei?" Van der Mey glaubt, Potenzial für den Einsatz von Flugbooten zu erkennen - etwa für den Übersee-Warenverkehr, der vor allem auf dem Wasser erfolgt, mit dem Ergebnis, dass auf den Weltmeeren kaum ein Tag vergeht, an dem Frachter nicht von Piraten gekapert werden. Oder bei der Warnung vor Tsunamis, bei der Flugboote wichtige Aufgaben wahrnehmen könnten.
Vor allem aber wünscht van der Mey sich selbst an Bord eines Flugboots, um "ruhig im Tiefflug" Inseln und Städte zu überfliegen und sich "über das blaue Meer" zu freuen. Ruhig im Tiefflug? Vorsicht, Michiel van der Mey; inzwischen betrachten die Menschen am Boden das Motorbrummen über ihren Köpfen skeptischer als noch in den 1920er Jahren.
Harald Ruppert
Michiel van der Meys neues Buch "A light coming over the sea" in englischer Sprache über den Dornier Wal kann im Internet bestellt werden unter www.dornier-wal.com . |
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